Von stillen Mooren bis zu schroffen Alpengipfeln hat die Naturmalerei in Europa viele Gesichter. Ein Streifzug durch Epochen, Künstlerkolonien und Stilrichtungen zeigt, wie Maler das Verhältnis zwischen Mensch und Landschaft immer wieder neu gedeutet haben.
Wälder, Küsten, Wolken und Berge gehören heute selbstverständlich zu den beliebtesten Motiven der Kunst. Das war lange nicht so: Über Jahrhunderte dienten Landschaften in Gemälden vor allem als Kulisse für religiöse oder mythologische Szenen.
Erst allmählich rückte die Natur selbst in den Mittelpunkt. Wie es dazu kam und welche Stationen diese Entwicklung in Europa geprägt haben, zeigt der folgende Überblick.
Wie die Naturmalerei in Europa entstand
Als einer der Wegbereiter der reinen Landschaftsdarstellung gilt Albrecht Altdorfer. Der Maler der sogenannten Donauschule schuf im frühen 16. Jahrhundert Bilder, in denen die Natur ganz ohne erzählende Figuren auskommt.
Im 17. Jahrhundert wurde die Landschaft zur eigenständigen Gattung. Niederländer wie Jacob van Ruisdael hielten Dünen, Wälder und weite Himmel fest. Claude Lorrain idealisierte dagegen die römische Campagna in warmem, goldenem Licht.
Später wandelte sich der Blick erneut, die Moderne brachte kräftige Farben und vereinfachte Formen. Werke dieser Zeit beschäftigen bis heute Museen und Kunsthandel, etwa wenn Sammler Kunst von Ernst Ludwig Kirchner kaufen möchten.
Stationen der europäischen Landschaftskunst
Wie unterschiedlich Künstler die Natur im Laufe der Zeit wahrgenommen haben, zeigt ein Blick auf einige zentrale Strömungen. Jede von ihnen setzte eigene Schwerpunkte und beeinflusste die nachfolgenden Generationen.
Romantik: Naturmalerei als Spiegel der Seele
Um 1800 bekam die Landschaft eine neue Bedeutung. Für die Maler der Romantik war sie Ausdruck von Gefühlen, Sehnsucht und religiöser Erfahrung, weniger ein bloßes Abbild der sichtbaren Wirklichkeit.
Caspar David Friedrich, geboren in Greifswald, malte die Kreidefelsen auf Rügen, das Riesengebirge und nebelverhangene Gipfel. Oft stehen kleine Rückenfiguren vor der Weite und nehmen den Betrachter gewissermaßen mit in das Bild.
In England gingen William Turner und John Constable eigene Wege. Turner löste Stürme und Licht beinahe in reine Farbe auf, während Constable Wolken und Wetter mit großer Genauigkeit studierte.
Hinaus ins Freie: Barbizon und Impressionismus
Lange entstanden Landschaftsgemälde im Atelier, oft auf Grundlage von Skizzen. Im 19. Jahrhundert zog es immer mehr Maler direkt in die Natur. Farben in Tuben erleichterten das Arbeiten vor Ort erheblich.
Am Rand des Waldes von Fontainebleau ließen sich Künstler wie Théodore Rousseau im Dorf Barbizon nieder. Sie malten Bäume, Felder und Lichtungen ohne heroische Überhöhung, so schlicht, wie sie sie vorfanden.
Die Impressionisten führten diesen Ansatz weiter. Claude Monet, dessen Bild „Impression, soleil levant“ der Bewegung ihren Namen gab, hielt mit schnellen Pinselstrichen flüchtige Lichtstimmungen fest – von Getreideschobern bis zu Seerosen.
Künstlerkolonien zwischen Moor und Meer
Um 1900 entstanden in vielen Teilen Europas Künstlerkolonien. Abseits der Großstädte suchten Maler dort Ruhe, ursprüngliche Landschaften und den Austausch mit Gleichgesinnten. Zu den bekanntesten Orten zählen:
- Worpswede im Teufelsmoor bei Bremen, wo unter anderem Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker arbeiteten
- Skagen an der Nordspitze Dänemarks, bekannt für die Strand- und Lichtbilder von Peder Severin Krøyer
- Murnau am Staffelsee, wo Gabriele Münter und Wassily Kandinsky die oberbayerische Landschaft in leuchtenden Farben malten
Gerade bei Kandinsky zeigt sich, wie nah Naturbeobachtung und Abstraktion beieinanderliegen. In den Jahren um seine Zeit in Murnau löste er sich Schritt für Schritt vom Gegenstand.
Die Spuren dieser Entwicklung lassen sich bis in die zeitgenössische abstrakte Kunst verfolgen, die sich oft nur noch über Farben und Formen auf die Natur bezieht.
Expressionismus: Landschaft in kräftigen Farben
Auch die Künstlergruppe „Brücke“ suchte die Nähe zur Natur. Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Max Pechstein verbrachten mehrere Sommer an den Moritzburger Teichen bei Dresden und malten dort in kräftigen, flächigen Farben.
Kirchner zog später in die Nähe von Davos. Die Bergwelt Graubündens prägte sein Spätwerk, in dem Almen, Gipfel und Bauernhöfe in einer ganz eigenen, ausdrucksstarken Bildsprache erscheinen.
Tipps, um Naturmalerei selbst zu entdecken
Wer sich näher mit der Landschaftskunst beschäftigen möchte, hat dafür zahlreiche Möglichkeiten. Einige Anregungen erleichtern den Einstieg:
- Museen mit Schwerpunkt auf dem 19. Jahrhundert besuchen, etwa die Hamburger Kunsthalle oder das Albertinum in Dresden
- Orte ehemaliger Künstlerkolonien aufsuchen, an denen heute vielfach Museen und Ausstellungshäuser zu finden sind
- Bekannte Motive vor Ort mit den Gemälden vergleichen, zum Beispiel auf Rügen oder im Elbsandsteingebirge
- Selbst zu Skizzenblock oder Pinsel greifen, um den eigenen Blick für Licht und Formen zu schulen
Hilfreich sind außerdem digitale Bildarchive aus Forschung und Lehre. Dort lässt sich zum Beispiel nachvollziehen, wie sich die Malerei unter freiem Himmel um 1800 entwickelt hat.
Ein solcher Blick in die Sammlungen zeigt zudem, wie viele weniger bekannte Künstler an dieser Entwicklung beteiligt waren. Neben den großen Namen gibt es dort zahlreiche Entdeckungen zu machen.
Ein Blick, der Europa verbindet
Die Naturmalerei erzählt viel über Europa: über seine Landschaften, aber auch über die Menschen, die sie betrachtet haben. Von Altdorfer bis Kirchner spiegelt jedes Bild einen eigenen Zugang zur Natur.
Ob stilles Moor, stürmische See oder leuchtende Alpenwiese – die Motive sind bis heute vertraut. Gerade das macht die Gemälde so zugänglich und schärft den Blick für die Landschaft vor der eigenen Haustür.
